Antibiotika sind kein Behandlungsersatz
In einem offenen Brief an die Regierung warnten Zahnärzte davor, dass eine unzureichende Deckung des Bedarfs an dringender zahnärztlicher Versorgung den Druck auf das Gesundheitssystem zusätzlich erhöhen könnte, da Antibiotika vermehrt als Ersatz für notwendige Behandlungen eingesetzt würden.
Während die Verschreibungszahlen vor der Pandemie stetig rückläufig waren, stiegen Antibiotikaverordnungen durch Zahnärztinnen und Zahnärzte im gesamten Vereinten Königreich während der Pandemie dramatisch an. Demnach lag die „geschätzte Gesamtzahl der zwischen März 2020 und August 2023 abgegebenen „überschüssigen“ Antibiotika zwischen 27,7 % und 43,3 % […].“, zeigen neue Untersuchungen unter der Leitung von Dr. Wendy Thompson von der Universität Manchester [Bowman-Newmark et al., 2025].
Telemedizin hat Antibiotikaverordnungen verstärkt
Bereits vor der COVID-19-Pandemie stammten rund zehn Prozent aller Antibiotikaverordnungen aus der Zahnmedizin – oft unnötigerweise. Zu Beginn der Pandemie kam es zu einem drastischen Anstieg der von NHS-Zahnärzten verschriebenen Antibiotika. Der vermehrte Einsatz von Telezahnmedizin in dieser Zeit könnte maßgeblich zu diesem Anstieg beigetragen haben. Gleichzeitig zeigen aktuelle Studien, dass sich die Verschreibungszahlen nur langsam auf das Niveau vor der Pandemie zurückentwickeln.
Gefahr von Resistenzentwicklungen
Dr. Thompson leitet die Arbeitsgruppe des Weltzahnärztebundes FDI zur Verhinderung von antimikrobieller Resistenz (AMR) und Infektionen. Sie erklärt: „Zu viele Menschen haben bei Zahnschmerzen keinen Zugang zu einer dringenden zahnärztlichen Behandlung und müssen sich schließlich mit Antibiotika behandeln lassen. Der beste Weg, uns alle vor der existenziellen Bedrohung durch Antibiotikaresistenzen zu schützen, besteht darin, dafür zu sorgen, dass die Patienten rechtzeitig Zugang zur Notfallversorgung haben.“ Obwohl die Regierung bereits begonnen hat, 700.000 dringende Termine anzubieten, bleibt der ungedeckte Bedarf laut Angaben der British Dental Association deutlich höher.
FDI fordert besseren Zugang zur zahnärztlichen Versorgung
Der unnötige Antibiotika-Einsatz birgt Risiken für Patienten und die Öffentlichkeit, da er die Entwicklung von Resistenzen begünstigt. Vor diesem Hintergrund fordert der FDI (World Dental Federation) einen verbesserten Zugang zur zahnärztlichen Versorgung als zentralen Bestandteil der nationalen Bemühungen gegen die Entstehung von Antibiotikaresistenzen. Zusätzlich wird betont, dass eine routinemäßige Überwachung der Antibiotikaverschreibungen durch NHS-zuständige Zahnärzte von entscheidender Bedeutung sei. Allerdings erschwert die fehlende Digitalisierung der Verschreibungsdaten eine solche Kontrolle. Eine Integration der niedergelassenen Zahnärzte in die digitalen NHS-Systeme wird daher als wichtiger Schritt zur Gewährleistung der Patientensicherheit angesehen.
Bowman-Newmark J, Vahdati A, Karki A, Young L, Cleary G, Thompson W. Impact of the COVID-19 Pandemic on Antibiotic Prescribing by Dental Practitioners Across the United Kingdom's Four Countries: A Pharmacoepidemiological Study of Population-Level Dispensing Data, 2016-2023. Community Dent Oral Epidemiol. 2025 Mar 10. doi: 10.1111/cdoe.13037. Epub ahead of print. PMID: 40064619.