100. Todestag von Henry Dunant

Von Mensch zu Mensch

Heftarchiv Gesellschaft
„Zivilisation bedeutet, sich gegenseitig zu helfen von Mensch zu Mensch, von Nation zu Nation“, sagte Henry Dunant einmal. Aus dieser Grundüberzeugung schuf er eine politisch neutrale Hilfsorganisation, die heute auf der ganzen Welt aktiv ist: das Rote Kreuz. Dafür erhielt der Schweizer Humanist 1901 den ersten Friedensnobelpreis, neun Jahre vor seinem Tod am 30. Oktober 1910.

Wären die Geschäfte des jungen Unternehmers Henry Dunant besser gelaufen, das Rote Kreuz wäre vielleicht nie gegründet worden. Mit 30 Jahren wollte der am 8. Mai 1828 geborene älteste Sohn des wohlhabenden Genfer Kaufmanns und Ratsherren Jean-Jaques Dunant in Französisch-Algerien in großem Stil Land erwerben, Getreide anbauen und es vor Ort in eigenen Mühlen verarbeiten lassen. Aber: Die französische Kolonialbehörde verweigerte ihm die Konzession.

Um sein Geschäft endlich in Gang zu bringen, reiste der junge Schweizer deshalb im Juni 1859 in die Lombardei. Dunant wollte sich Unterstützung von oberster Stelle besorgen – er wollte bei Kaiser Napoleon III. vorsprechen. Im Gepäck hatte der Schweizer, der seit 1858 auch französischer Staatsbürger war und Napoleon glühend verehrte, eine eigens verfasste Lobrede auf den Monarchen. Sein Vorhaben scheiterte jedoch, denn Napoleon führte gerade sein Heer an der Seite des Königreichs Piemont-Sardinien in den Krieg gegen Österreich. Zu einer Audienz kam es deshalb nicht, verändern sollte die Reise Dunants Leben aber doch.

Schicksalsort Solferino

Mit dem italienischen Ort Solferino ist die Erinnerung an eine der blutigsten Schlachten des 19. Jahrhunderts verbunden. Auf österreichischer und französisch-italienischer Seite standen sich am 24. Juni 1859 auf einer Frontlänge von 16 Kilometern 300.000 Männer gegenüber – 6 000 von ihnen starben, 10 000 galten als vermisst oder gefangen, 40 000 wurden verwundet und weitere 40 000 erkrankten aufgrund der katastrophalen sanitären Verhältnisse in den Tagen nach der Schlacht.

In dieses Kriegsgebiet geriet der Zivilist Henry Dunant – allerdings nicht so unbeabsichtigt und zufällig, wie er später beteuern sollte. Überwältigt von der Brutalität der Ereignisse schreibt er später: „Um jeden Mamelon, um jeden Hügel, um jeden Felsvorsprung werden hartnäckige Kämpfe geliefert, ganze Haufen von Todten sind auf den Hügeln, in den Hohlwegen aufgethürmt. Oestreicher und Alliirte tödten einander auf den blutigen Leichnamen, sie morden sich mit Kolbenschlägen, zerschmettern sich das Gehirn, schlitzen sich mit Säbeln und Bajonetten die Leiber auf:

Kein Pardon wird mehr gegeben, es ist ein Gemetzel, ein Kampf wilder, wütender, bluthdürstiger Thiere, und selbst die Verwundeten vertheidigen sich bis zum Aeußersten; wer keine Waffen mehr besitzt, fasst seinen Gegner an der Gurgel und zerfleischt ihn mit den Zähnen.“

Angesichts des großen Leids nach der Schlacht entschloss sich Dunant zu bleiben. Zusammen mit den Frauen des Ortes Castiglione delle Stiviere, acht Kilometer von Solferino entfernt, organisiert er ein behelfsmäßiges Lazarett und lässt auf eigene Kosten Verbandsmittel und Medikamente kommen – trotzdem mangelte es an allem, um die Männer zu versorgen.

Dunant half, obwohl er ein Anhänger Napoleons war, verletzten Soldaten beider Seiten. Bald folgten die italienischen Helferinnen seinem Vorbild, wie er berichtete: „Die Frauen von Castiglione erkennen, dass es für mich keinen Unterschied der Nationalität gibt, und so folgen sie meinem Beispiel und lassen allen Soldaten, die ihnen völlig fremd sind, das gleiche Wohlwollen zuteil werden. ‚Tutti fratelli’, sagten sie oft mit bewegter Stimme.“ Das sollte zu Dunants Grundsatz werden: „Tutti fratelli – Wir sind alle Brüder.“

Den österreichischen Soldaten gelang das oft nicht, sie wollten die Hilfe der vermeintlichen Feinde nicht annehmen. Immer wieder wehrten sie sich, rissen sich die Verbände vom Leib oder schossen – manchmal noch im Todeskampf – auf die Helfer. Dunant bat die französischen Militärs, ihm gefangene österreichische Ärzte zur Verfügung zu stellen, zu denen die verwundeten Soldaten mehr Vertrauen hatten. Und er tat noch mehr: Am 9. Juli erschien auf seine Initiative hin im „Journal de Genève“ ein Hilfeaufruf für die Verwundeten von Solferino.

Henry Dunants leidenschaftlicher Einsatz für die Kriegsopfer kam nicht überraschend. In seinem Elternhaus – wie in allen anderen wohlhabenden Familien Genfs – spielte Wohltätigkeit eine große Rolle. Sein Vater spendete einen Teil seines Einkommens für Bedürftige, betreute Waisenkinder und verwaltete die staatlichen Armengelder. Seine Mutter Anne-Antoinette widmete sich in Not geratenen Bewohnern des Genfer Arbeiterviertels Saint Gervais. Ihr Sohn begleitete sie regelmäßig.

Als Erwachsener erinnerte sich Dunant an ein prägendes Erlebnis aus seiner Kindheit. Als er einmal mit seinem Vater den Marinestützpunkt Toulon an der Mittelmeerküste besuchte, wurde er Zeuge des Leids der Verurteilten auf den Gefängnissschiffen. Das Gesehen nahm den kleinen Jungen sehr mit.

Karitative Arbeit gehörte auch zum Alltag des heranwachsenden Dunants. Er besuchte Sträflinge und las ihnen vor. Mit 18 wurde er Mitglied der „Genfer Gesellschaft für Almosenspenden“, er organisierte Benefizveranstaltungen und war 1852 unter den Gründern des „Christlichen Vereins Junger Männer“ (CVJM).

Vom Horror des Kriegs

Henry Dunant blieb mehrere Wochen im Krisengebiet und kehrte danach in die Schweiz zurück – geschockt von den schrecklichen Erlebnissen in Italien. In den Jahren 1860/61 schrieb er ein Buch über das Erlebte: „Eine Erinnerung an Solferino“. Im ersten Viertel des Buchs beschreibt Dunant die Schlacht. Es wird deutlich: Er will die Leser packen und sie emotional erreichen. Seine Beschreibung des Krieges zielt nicht darauf ab, heldenhafte Taten zu feiern, sondern die Verluste begreifbar zu machen. Er schreibt: „Ein Sohn, der Liebling seiner Eltern, den eine zärtliche Mutter während einer langen Reihe von Jahren aufgezogen und gepflegt, über dessen geringstes Unwohlsein sie sich erschreckt; ein schmucker Offizier, von feiner Familie geliebt, der Frau und Kinder zu Hause gelassen; ein junger Soldat, der beim Abmarsche in’s Feld seine Braut verließ, oder wie wohl ein Jeder eine Mutter, Schwestern, einen alten Vater daheim hatte, – da liegt er nun im Kothe, im Staube und in seinem Blute gebadet; (...) und sein Leib, der Gegenstand so langer Pflege, – jetzt geschwärzt, angeschwollen, zerstümmelt, wird da, wie er ist, in eine kaum ordentlich gegrabene Grube geworfen, nur mit einigen Schaufeln Kalk und Erde bedeckt, und die Raubvögel schonen seiner Hände und Füße nicht, welche beim Abspühlen der Erde (...) herausschauen aus dem Grabe.“

Einen größeren Teil nimmt die Beschreibung der katastrophalen Versorgung ein. Auch hier spart Dunant nicht mit Details, das Chaos vor Ort zu beschreiben: „Ein Soldat mit weit geöffneter Hirnschale, sank sterbend zusammen, indessen sein Hirn über die Steinplatten der Kirche floss; seine Unglücksgefährten stießen ihn mit den Füßen auf die Seite, weil er die Passage störte, ich schützte ihn in deinem letzten Todeskampfe und umhüllte sein armes Haupt, das sich noch schwach bewegte, mit einem Taschentuche.“

Was Dunant mit seiner auf Effekte bedachten Schilderung der Schlacht in Solferino bezweckte, wird auf den letzten Seiten klar. „Aber weshalb haben wir hier so viele schmerzliche und ergreifende Auftritte geschildert und vielleicht so manche peinliche Gefühle geweckt? Weshalb mit Vorliebe gerade solche erschütternde Gemälde mit einer fast gesuchten Ausführlichkeit vor den Augen der Leser ausgerollt? Auf diese so natürliche Frage sei es uns erlaubt, mit einer andern Frage zu antworten: Wäre es nicht möglich, freiwillige Hülfsgesellschaften zu gründen, deren Zweck ist, die Verwundeten in Kriegszeiten zu pflegen oder pflegen zu lassen?!“ Und etwas später: „Ist es endlich nicht in einer Zeit, in welcher man so viel von Fortschritt und Civilisation spricht und in welcher Kriege einmal nicht immer vermieden werden können, ist es da nicht dringend nothwendig, Alles zu thun, um den Schrecken derselben zuvorzukommen, oder diese mindestens so viel wie möglich zu mildern, und zwar nicht allein auf den Schlachtfeldern, sondern namentlich in den Spitälern?“ Jeder „einflussreiche Mann“ solle Einfluss nehmen – nicht umsonst beschreibt Dunant deshalb am Ende von „Eine Erinnerung an Solferino“ das Engagement reicher Bürger und Adliger, die – durch das schlimme Schicksal der Soldaten bewegt – den Verwundeten helfen wollen, indem sie sie pflegen, Geld spenden oder ihre Häuser als Lazarette zur Verfügung stellen.

Von seiner Schrift ließ Dunant zunächst 1 600 Exemplare drucken und verschickte sie an die Menschen, die das Sagen in Europa hatten: an Militärs und Politiker. Dunant wandte sich aber auch an die Frauen der Herrscher. Für die Damen der Gesellschaft, gefangen in biedermeierlicher Eintönigkeit, bot das humanitäre Engagement ein Betätigungsfeld – sie unterstützten den jungen Dunant eifrig. 1863 erschien das Buch schließlich in größerer Auflage und wurde zum Weltbestseller.

Menschlichkeit im Krieg

Dunants Bemühungen hatten Erfolg. Seine Vorschläge wurden schon im Februar 1863 umgesetzt, als das „Internationale Komitee der Hilfsgesellschaften für die Verwundetenpflege“ gegründet wurde – erst 1876 änderte die Organisation ihren Namen in „Internationales Komitee vom Roten Kreuz“. Dunant reiste für das Komitee durch Europa und rührte die Werbetrommel. Dank seiner Initiative trat vom 8. bis zum 28. August 1864 die Genfer Konferenz mit 28 Delegierten aus 16 Staaten zusammen. Am 22. August unterzeichneten zwölf von ihnen die „Konvention, die Linderung des Loses der im Felddienste verwundeten Militärpersonen betreffend“. Dazu gehörten: Baden, Belgien, Dänemark, Frankreich, Hessen, Italien, die Niederlande, Portugal, Preußen, die Schweiz, Spanien und Württemberg.

Der Vertrag ist die erste aller Genfer Konventionen und Gründungsurkunde aller nationalen Rot-Kreuz-Organisationen. Mit ihrer Unterschrift erkannten die unterzeichnenden Staaten verwundete Soldaten als neutral an und verpflichteten sich, sie – gleich welcher Partei sie angehören – zu schützen und zu versorgen. Das schloss die Sicherheit der Helfer des Roten Kreuzes bei Angriffen mit ein.

Kodifizierte Regeln

Zum ersten Mal gab es damit kodifizierte Regeln für das Verhalten im Krieg, an die sich alle militärischen Führungen hielten. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 war die erste Bewährungsprobe für das Abkommen – das es mit Bravour bestand. Die militärischen Führungen erkannten schnell, dass das Rote Kreuz eine unschätzbare Hilfe für alle Beteiligten war.

Eins der großen Vorbilder für Dunant war die englische Krankenschwester Florence Nightingale, die sich während des Krimkriegs (1853–1856) um die bessere medizinische Versorgung verwundeter Soldaten verdient gemacht und weltweit Anerkennung gefunden hatte (siehe Bericht in zm 15/2010, Seiten 102 ff.). Über sie sagte Dunant: „Wohl bin ich der Gründer des Roten Kreuzes und der Schöpfer der Genfer Konvention. Aber die Ehre, die mir deswegen zuteil geworden ist, habe ich mit einer englischen Frau zu teilen. Was mich während des Krieges von 1859 dazu brachte, nach Italien auf das Schlachtfeld von Solferino zu gehen und dort zu helfen, war das große Vorbild, das Florence Nightingale uns auf der Krim gegeben hatte.“

Gesellschaftlicher Abstieg

Zwischen Dunant und seinen Mitstreitern im Komitee – insbesondere mit dem amtierenden Vorsitzenden Gustave Moynier – kam es schnell zu Differenzen. Auch an anderer Stelle hatte Dunant zu kämpfen: Seine Aktiengesellschaft in Algerien, an der viele Freunde und Kollegen beteiligt waren, geriet in Schwierigkeiten. Im Jahr 1867 musste er vor seinen Aktionären und Gläubigern den Bankrott eingestehen. Es kam noch schlimmer: In einem Prozess vor dem Genfer Zivilgericht wurde er des betrügerischen Bankrotts überführt und zur Entschädigung der von ihm getäuschten Aktionäre ver- urteilt – seine Heimat Genf war von nun an für Henry Dunant verbrannte Erde. Er verließ die Stadt und kehrte Zeit seines Lebens nie wieder zurück.

Aus dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes und dem CVJM wurde er daraufhin ausgeschlossen. Als Geschäftsmann gelang ihm nichts mehr – auch, weil Moynier und seine Gläubiger ihm immer im Nacken saßen und, wohin in Europa er auch ging, seinen Ruf schädigten. Die nächsten zwei Jahrzehnte vagabundierte er verarmt durch Europa. Zwar engagierte er sich für verschiedene Anliegen von der Sklavenbefreiung bis hin zur Errichtung einer Weltbibliothek, aber nichts hatte Erfolg. Zeitweise lebte er als Clochard. Er schrieb über diese Zeit: „Auch ich gehörte zu denjenigen, die auf der Straße in kleinen Bissen ein Kreutzer- Brot verzehrten, die ihre Kleider mit Tinte aufschwärzen und dem Hemdkragen mit Kreide nachhelfen und durch deren Schuhsohlen das Wasser dringt. Unter solchen Umständen lernte ich die Armen wirklich beklagen.“

Von London aus schrieb er 1887 an seine Familie und bat um Hilfe. Sie bewilligte dem körperlich und psychisch Kranken eine monatliche Rente von 100 Franken. Bedingung war allerdings, dass er in die Schweiz zurückkehrte. So endete Dunants Odyssee in dem Schweizer Kurort Heiden oberhalb des Bodensees.

Jegliche Anerkennung für seinen Beitrag zur Gründung des Roten Kreuzes wurde Dunant verwehrt. Sogar seine Bedeutung für das Inkrafttreten der Genfer Konvention 1863 und 1864 sprach man ihm ab. In den frühen Selbstdarstellungen der Organisation taucht sein Name kaum auf. In seinen Memoiren findet man wohl auch deshalb immer wieder Hasstiraden auf Moynier und seine anderen Gegner.

Erst in den 1890er-Jahren begann das Blatt, sich zu wenden. Ein Dorflehrer aus Heiden erkannte Dunant und sendete 1892 ein Telegramm an das in Rom tagende Internationale Komitee des Roten Kreuzes. Der Wortlaut: „Dunant lebt und ist in großer Not.“ Die Nachricht erregte kein großes Aufsehen. Zur Sensation wurde aber der Artikel, den der Schweizer Journalist Georg Baumberger im Sommer 1895 in Schweizer und deutschen Zeitungen über den Vergessenen veröffentlichte. Er katapultierte Dunant zurück ins Licht der Öffentlichkeit. Für den eben noch Ausgestoßenen hagelte es fortan Preise und Auszeichnungen, ihm wurden zahlreiche Geldspenden und Sonderrenten zugesprochen und auch seine Meinung war wieder gefragt.

Die höchste Auszeichnung erhielt er im Jahr 1901. Zusammen mit dem französischen Friedensaktivisten Frédéric Passy wurde ihm der erste Friedensnobelpreis verliehen. Das Preisgeld rührte er zeitlebens nie an. Verbittert und an Depressionen erkrankt, verbrachte er die Zeit bis zu seinem Tod im Oktober 1910 weiterhin zurückgezogen in einem Heidener Hospital.

Auf eigenen Wunsch wurde Henry Dunant ohne eine Trauerfreier beigesetzt. „Ich wünsche zu Grabe getragen zu werden wie ein Hund, ohne eine einzige von euern Zeremonien, die ich nicht anerkenne. Ich rechne auf eure Güte zuversichtlich, über meinen letzten irdischen Wunsch zu wachen. Ich zähle auf eure Freundschaft, dass es so geschehe“, schrieb er in seinem Testament. Und noch etwas hatte er verfügt: Mit seinem Vermögen sollten seine Gläubiger ausbezahlt werden. Der Rest des Geldes ging an seine Pfleger im Spital und an gemeinnützige Organisationen in Norwegen und in der Schweiz.

Susanne TheisenFreie Journalistin in KölnSusanneTheisen@gmx.net

• Lesetipp: Das Schlüsselerlebnis seines Lebens, die Schlacht von Solferino im Jahr 1859, beschrieb Henry Dunant in seinem Buch „Erinnerungen an Solferino“. Der Text steht unterwww.drk-neureut.de/ download/eine_erinnerung_an_solferino.pdfzur Verfügung.

 

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