Praxis unter Denkmalschutz
„Vom Sanierungsdrang durchströmt“
- „Zwischen 13 und 17 Uhr kamen sage und schreibe rund 650 Personen“, schreibt Schneeweiß den zm. Im Halbstunden-Rhythmus wurden sie durch die zukünftige Praxis geführt, begleitet von Informationen rund um die Sanierung des Objekts. Das Haus hatte der Unternehmer Martin Steudner inklusive Seitengebäude und Gartenhaus 1894 bis 1898 durch den Architekten Michael Köberlein errichten lassen. Nicht nur in Gera ist das Gebäude unter dem Namen „Villa Steudner“ ein Begriff. | © Schneeweiß
- Damit keine Schäden an der Einrichtung entstehen konnten, wird die gesamte Praxis erst in den nächsten Tagen komplett eingerichtet. Hier das zukünftige Wartezimmer im Leerzustand beim Tag des offenen Denkmals in Gera. © Schneeweiß
- … und so sah das Wartezimmer bei einem früheren Tag des offenen Denkmals aus. Schneeweiß war vorher über 25 Jahre in Gera-Lusan, einer typischen Plattenbausiedlung, niedergelassen. Dort waren auf dem Dach eines Supermarkts zahlreiche Praxen unterschiedlicher Fachrichtungen eröffnet worden. „An sich hätte ich dort meine voraussichtlich 13 Jahre bis zur Rente gut weiterarbeiten können, wenn ich nicht täglich auf dem Weg zur und von der Arbeit an der langsam verwahrlosenden Villa vorbeifahren hätte müssen“, erzählt der Zahnarzt.\r\n"Bei jedem Vorbeifahren schielte ich nach dem Haus"\r\n "Dabei sah ich gelegentlich den alten Besitzer mit einer blauen Arbeitsjacke und Baskenmütze, der seine Einkäufe mit einem Handwagen aufs verwildernde Grundstück fuhr. Hin und wieder wurde Essen geliefert, der Bewohner war schon weit über 80, seine Frau bereits im Pflegeheim. Er nahm das Essen immer vorn am Tor in Empfang. Die Zeit verging, bei jedem Vorbeifahren schielte ich nach dem Haus, abends brannte nur selten Licht, und wenn, dann maximal mit der Intensität einer 25-Watt-Glühbirne. Irgendwann war auch davon nichts mehr zu sehen. Der Eigentümer wohnte mittlerweile im Pflegeheim bei und mit seiner Frau und ich ärgerte mich, den Herrn nie angesprochen zu haben ... Dann, eines Tages, bei einem Einkaufsbummel durch die Stadt, sah ich, wie im Schaufenster eines Immobilienbüros das Exposé vom Objekt der Begierde prangte. Alles Weitere ging schnell, der Besichtigung folgte alsbald der Notarvertrag, schließlich sollte mir niemand zuvorkommen. Ich wollte mich in diese Aufgabe stürzen." © Schneeweiß
- Zum Objekt gehört ein 3.000 Quadratmeter großes Gartengrundstück mit einem ebenfalls denkmalgeschützten Gartenhaus. Der 89-jährige Vorbesitzer hatte es dem Verfall preisgegeben und auch den Garten vollkommen verwildern lassen. Mittlerweile dient das Gartengrundstück der Erholung nach einem "durchbohrten" Tag. © Schneeweiß
- Die Sanierung des Gartenhauses wurde der Sanierung der Villa vorgezogen, es befand sich in einem ruinösen Zustand mit bereits durchbrochenen Decken.\r\n"Nach der 01 verstand ich den Preis"\r\n Schneeweiß: "Vielleicht wollte ich der Plattenbausiedlung entfliehen ... Ich denke eher, dass mich bei der Besichtigung der alten Villa ein Sanierungsdrang durchströmte, wie er Zahnärzte ergreift, die ein stark kariöses Gebisses sehen. Aber auch die Rehabilitation eines Gesamtgebisses will gut vorbereitet sein. Es ging los mit einer sorgfältigen 01, die mir dann auch den günstigen Preis der Immobilie erklärte.“ © Schneeweiß
- Zum Grundstück gehört auch ein Längsgebäude, hier vor der Renovierung. © Schneeweiß
- Die Arbeit hat sich gelohnt: Links im Bild sieht man das restaurierte Gebäude, in dem nun die Prophylaxesitzungen stattfinden sollen. © Schneeweiß
- Die Villa, wie sie Schneeweiß gekauft hat, von der Hofseite aus gesehen. "Der Parozustand des Hauses, also quasi der Halteapparat, sprich der Keller, bestand nur aus lose gesetztem Bruchsteinwerk, die Stahlträger der Kappendecken waren an den Übergängen zur Außenwand durch den Rost wie Blätterteig aufgeblättert. Eine Überraschung folgte auf die nächste, aber es gab ja kein Zurück mehr.\r\n"Da lacht das Herz eines Restaurators"\r\n Für mich war die Abgeschlossenheit des alten Herrn jedoch ein Glücksumstand, kein Handwerker hat ihm Pressspantüren mit Plasteklinken, Plastefenster und abgehängte Gipskartondecken aufgeschwatzt. Unter mehreren Farbschichten kamen Türen mit schöner Bierlasur, die originalen Messingklinken und -griffe zum Vorschein. Da lacht doch das Herz eines Restaurators und Denkmalpflegers, sowie das Herz des Zahnarztes lacht, wenn sich ein scheinbar sklerosierter und obendrein stark gekrümmter Wurzelkanal doch bis zur Iso-Größe 30 punktgenau bis zum Apex aufbereiten lässt ... Es schloss sich eine aufwendige Handwerkersuche an, der Nachwuchsmangel betrifft ja nicht nur die Zahnärzte, sondern auch viele Handwerksbetriebe. Der schieferverarbeitende Dachdecker kam aus Sachsen, der Schmied aus Sachsen-Anhalt, der Stuckateur aus dem fernen Apolda. Die Sanierung der alten Villa in Anlehnung an die denkmalpflegerische Zielsetzung dauerte letztendlich etwa fünf Jahre, drei DIN-A4-Seiten mit Auflagen wollten eingehalten werden und die parallel begonnene Promotion ganz nebenbei auch noch abgeschlossen werden." © Schneeweiß
- Dr. Schneeweiß mit seinem Team vor dem neuen Domizil: "Wir freuen uns darauf, unsere Patienten in dieser schönen Umgebung behandeln zu dürfen! Es hat mir Freude gemacht, ein Stück deutschen Kulturgutes wiederzubeleben, aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken und zu zeigen, was mit Fleiß, Ausdauer, Zielstrebigkeit und Wertschätzung derer, die vor uns waren, geschaffen werden kann.“ © Schneeweiß
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Ein stark kariöses Gebiss ist wie ein Imperativ: Saniere! Bohre! Fang an! So ging es dem Geraer Zahnarzt Dr. Albrecht Schneeweiß, als er eine heruntergekommene Villa sah. Jetzt richtet er dort seine Praxis ein – beim diesjährigen Tag des offenen Denkmals konnte das Gebäude am 9. September bestaunt werden.
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