Leitartikel

Paro ist das größte Ding

Christoph Benz

Die Gründung der ersten staatlichen Uni-Zahnklinik 1884 in Berlin markiert den Beginn unseres akademischen Weges in Deutschland. In den 138 Jahren standen Karies und Zahnersatz immer im Mittelpunkt. Paro wurde zwar früh diskutiert, galt lange aber als nicht so erfolgreich zu behandeln. Warum?

Als Deutschland vor 100 Jahren von der US-amerikanischen Paro-Route abbog, geschah das mit viel internem Streit. Die siegreiche Gruppe um Oskar Weski und Robert Neumann wählte einen sehr eigenen Weg; einen Weg, der die deutsche Sicht auf parodontale Behandlungen bis heute beeinflusst: Die primäre Ursache der Parodontitis liege nicht im Mund, sondern in der allgemeinen Gesundheit. Die Therapie habe einzeitig zu erfolgen, ab 5 mm Sondierungstiefe „radikal-chirurgisch“. Flankiert wurde das mit einer übergriffigen Struktur aus Antrags-Bürokratie und Gutachter-Kontrolle. Ständig wechselnde Nomenklaturen und Klassifikationen stifteten überdies eher Verwirrung als Klarheit. Und der Erfolg? Der Erfolg blieb weit hinter den Erwartungen zurück, so weit, dass das anfänglich große Interesse der Kollegenschaft schnell erlahmte. Harald Loe beschrieb die damalige Situation so: „The failure of ... therapeutic actions to yield expected results had generated a profound professional insecurity.“

Heute wissen wir, was fehlte, war schlicht die präventive Begleitung. Aber Oskar Weski hatte den Holzweg so schön gepflastert, dass es schwerfiel, diesen zu verlassen. Selbst die bahnbrechenden Resultate von Per Axelsson blieben ohne großen Einfluss auf die vertragszahnärztliche Versorgung. Was Axelsson aber vermochte, war, ganz langsam in deutschen Praxen eine präventive Zahnmedizin mit regelmäßiger professioneller Reinigung zu etablieren. Das Ziel blieb zwar zunächst noch die Karies, doch die Wirkung zeigte sich schließlich auch bei der Parodontitis.

Der disruptive Moment kam 2016, als die Ergebnisse der fünften Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS V) vorgestellt wurden. Zum ersten Mal seit der DMS I (1989) war es gelungen, die Häufigkeit des höchsten Schweregrads der Parodontitis zu senken. 50 Prozent weniger schwere Parodontitis bei jüngeren Erwachsenen, 35 Prozent weniger bei jüngeren Senioren, und zwar immer dann, wenn regelmäßig professionell gereinigt worden war.

Jetzt verspürten fortschrittlich denkende Parodontologinnen und Parodontologen sowie Standesvertreterinnen und -vertreter den „call for action“. Die unterstützende Parodontitistherapie (UPT) wurde zum wichtigen Baustein der neuen Leitlinie von 2021 und ebenso der PAR-Richtlinie fünf Monate später. Der DG PARO – pars pro toto: Bettina Dannewitz und Peter Eickholz – und der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung mit ihrem stringenten Kurs ist mit der neuen GKV-Paro-Strecke das „größte Ding“ der Zahnmedizin mindestens in den letzten 15 Jahren gelungen.

Jetzt gilt es, den üblichen Beharrungskräften zu begegnen. Alle Indices der Karies-Zahnmedizin zeigen nach unten, so dass es Sinn macht, das Feld der Parodontitis-Therapie aus tiefstem Herzen zu erschließen – und nicht bloß mit maximaler Delegation. Aber auch unsere Patientinnen und Patienten denken oft noch „Karies“ und nicht „Parodontitis“. Eine aktuelle repräsentative Umfrage der Bundeszahnärztekammer zeigt, dass 53 Prozent der Deutschen eine Parodontitis an Zahnschmerzen erkennen wollen und 40 Prozent bei Zahnfleischbluten nur die Zahnpaste wechseln würden.

Diese Luft nach oben will die „Jetzt den Paro-Check machen!“-Kampagne der BZÄK füllen. Gestartet ist sie am 22. März und wird im weiteren Verlauf des Jahres vorrangig in den Sozialen Medien laufen. Der Introfilm „Liegt es am Essen – oder an Parodontitis?“ hat bereits 300.000 YouTube-Clicks erreicht. Unsere Bitte ist, dass Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere gemeinsame Aufklärungsarbeit in Ihrer Praxis unterstützen. Infos über die Praxismaterialien finden Sie im Downloadbereich der Kampagnenseite paro-check.de.

Denn richtig groß wird das Paro-Ding erst, wenn Sie es dazu machen!

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Prof. Dr. Christoph Benz

Präsident der BZÄK
Bundeszahnärztekammer

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