Warum Empathie oft verloren geht
Eine Forschungsgruppe um Dr. Jeremy Howick, Direktor des Stoneygate Centre for Empathic Healthcare der Universität Leicester, kommt zu dem Schluss, dass mehr Empathie des Gesundheitspersonals untrennbar mit einer höheren Patientenzufriedenheit verbunden ist. Die Forschenden haben dazu 14 randomisierte Studien mit insgesamt 1.986 Patienten aus Nordamerika, Europa, Asien und Afrika ausgewertet. Empathie wird dabei als das Zeigen und Ausdrücken von Verständnis, gefolgt von therapeutischen Maßnahmen, verstanden.
Hohe Arbeitsbelastung reduziert Empathiefähigkeit
Eine höhere Patientenzufriedenheit stehe wiederum in direktem Zusammenhang mit einer verbesserten Überlebensrate nach einem Herzinfarkt, einer geringeren Zahl von Krankenhauswiederaufnahmen, einer höheren allgemeinen Qualität der Pflege und einer besseren Patientensicherheit, so die Forscherinnen und Forscher weiter. Dennoch nehme die Fähigkeit zur Empathie bei Medizinerinnen und Medizinern im Laufe ihrer Ausbildung immer weiter ab, so Studienautor Howick. Diese Entwicklung führt er unter anderem auf den Lehrplan zurück. Überproportional repräsentiert sei darin das biomedizinische Krankheitsmodell gegenüber dem biopsychosozialen. Zudem habe die Arbeitsbelastung Einfluss auf die Empathie der Medizinstudierenden. Dadurch entstehe Zynismus und emotionale Distanz.
Patienten im Hörsaal erzeugen höhere Empathie
Howick plädiert dafür, Studierende verstärkt die Patientenperspektive einnehmen zu lassen, indem sie zum Beispiel eine Nacht in der Notaufnahme verbringen oder Alterssimulationsanzüge tragen. Eine weitere sinnvolle Maßnahme wäre laut Howick, echte Patientinnen und Patienten in den Hörsaal zu bringen sowie ein evidenzbasiertes Training empathischer Kommunikation, die verbale und nonverbale Verhaltensanpassungen erfordert.
„Die Steigerung des Einfühlungsvermögens ist eine einfache Maßnahme, die letztlich die Patientenzufriedenheit verbessern kann und in jedem Fall umgesetzt werden sollte"
Dr. Jeremy Howick
Den Forschenden zufolge hat Empathie enorme Auswirkungen auf die klinische Praxis, da die Patientenzufriedenheit oft gering ist: Im Vereinigten Königreich ergab eine Umfrage aus dem Jahr 2022, dass nur 36 Prozent der Patienten mit ihrer NHS-Versorgung im stationären und ambulanten Bereich, in der Notaufnahme, in der Allgemeinmedizin und in der Zahnmedizin zufrieden waren – der niedrigste Wert seit der ersten Messung im Jahr 1997. In den USA ergab eine Umfrage im selben Jahr, dass weniger als ein Viertel der Amerikaner (22 Prozent) mit ihrer Gesundheitsversorgung zufrieden waren.
Leila Keshtkar, Claire D. Madigan, Andy Ward, et al. The Effect of Practitioner Empathy on Patient Satisfaction: A Systematic Review of Randomized Trials. Ann Intern Med.2024;177:196-209. [Epub 30 January 2024]. doi:10.7326/M23-2168