Medizin

Wie die Ökonomisierung die Medizin verändert

nh
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Der Patient darf eigentlich nicht unter der Ökonomisierung der Krankenhäuser leiden. Dass er das aber tut, weil das ökonomische Denken das medizinische verdrängt, verdeutlichten zwei Professoren beim Berliner Spreestadt-Forum.

Die zunehmende Ökonomisierung in den Kliniken wirkt sich immer stärker auf die Patienten auf. Dies geht aus dem gemeinsamen Vortrag von Karl-Heinz Wehkamp, Professor für Medizinethik in Hamburg und des Gesundheitsökonomen Prof. Dr. Heinz Naegler hervor. Durch eine von der Klinikleitung vorgegebene gewinnorientierte Arbeitsweise würden vielfach Patienten nicht mehr ausreichend behandelt werden können, sagte Naegler vor dem versammelten Fachpublikum.

Experteninterviews erhärten den Verdacht.

Die beiden Professoren führten allein aus Forscherneugier, ohne Auftrag und ohne finanzielle Förderung Interviews mit bislang 20 Klinikangestellten - vom Assistenzarzt bis zum Leiter der Geschäftsführung. Die Studie sei keinesfalls repräsentativ, erläuterte Wehkamp, es handle sich lediglich um die subjektive Meinung der Beschäftigten.

Dennoch zeige sich in allen Interviews, dass es deutliche Auswirkungen für die Patienten gebe, wenn das ökonomische Denken das medizinische verdrängt, erläuterte Naegler. Zudem hätten alle Befragten große moralische Bedenken geäußert, die sich mit den vielen Gesprächen decke, die die beiden Professoren im Laufe ihres Berufslebens mit Krankenhausmitarbeitern geführt haben.

Chronisch Kranke - die wahren Verlierer

Das größte Problem sei demnach der steigende Zeitdruck pro Behandlung. Fast alle Befragten hätten gesagt, dass kaum noch Zeit für die persönliche Betreuung des Patienten da sei. Chronisch Kranke seien demnach die wahren Verlierer, soll sich ein Befragter in den Interviews geäußert haben: "Sie haben besonders viele Fragen, ihre Behandlung ist besonders intensiv - das kann man sich aber nicht leisten." Außerdem mangele es häufig an geeignetem Personal.

Investiert wird in Bereiche, die Geld bringen.

Wenn investiert wird, dann in die Bereiche, die Geld bringen, weiß Wehkamp. Was eher Verluste einbringt - wie beispielsweise die Kinderheilkunde - werde abgestoßen, so die Erfahrung der Interviewpartner. Lange Beatmungen bringen zum Beispiel viel Geld, betonen mehrere Befragte. Die Folge: Menschen blieben länger an der Maschine als medizinisch vertretbar.

Insgesamt werde versucht die Zahl der operativen Eingriffe zu steigern. Um den Mangel an geplant eingewiesenen Patienten zu kompensieren, würden mehr stationär aufgenommen, die in die Notfallambulanz kämen, hätten die Befragten berichtet.

Ärzte im Griff der Steuerberater

Nicht nur auf den Patienten wirkt sich die Ökonomisierung aus. Der Charakter der Medizin insgesamt verändere sich, so Wehkamp. Durch den wachsenden Zeitdruck fokussiere sich die Medizin nur noch auf ihre Kernthemen: Anamnese, Diagnose, Therapie - Zeit für experimentelle Forschung oder die ganzheitliche Behandlung des Patienten seien nicht mehr vorgesehen.

Auch der Charakter des Krankenhauses werde anders wahrgenommen - sowie die Rolle des Arztes. Um Gewinne zu erzielen, werden viele Chefärzte laut Naegler von der Geschäftsführung unter Druck gesetzt, und zwar mithilfe von Zielvereinbarungen, Normen oder auch Bonusverträgen. Von ihnen wird viel Unternehmergeist eingefordert, was viele Mediziner jedoch überfordert. Diesen Druck geben sie nach unten an ihre Assistenzärzte weiter.

Die Ökonomisierung - prinzipiell kein Teufelszeug

Wäre die Medizin also ohne Ökonomisierung besser? "Nein", sagen die beiden Gesundheitsexperten. Die Ökonomisierung sei prinzipiell kein Teufelszeug. Nötig sei vielmehr eine gesellschaftliche Diskussion über die Art der Medizin, die bezahlt werden soll. Auch die Interviewpartner hätten dies im Anschluss an die Gespräche gefordert, erläutert Naegler. "Die Gesellschaft müsse das Thema Ökonomisierung und Medizin breit und öffentlich diskutieren. Die Interviewpartner selbst müssten weiter schweigen, sonst sind sie ihren Job los."

BeimSpreestadt-Forum zur Gesundheitsversorgung in Europahandelt es sich um eine interdisziplinäre Vortragsreihe aus den Bereichen Wirtschaftswissenschaft, Medizin und Gesundheitspolitik, die jedes Semester in Berlin stattfindet und von mehreren Professoren der Technischen Universität wissenschaftlich geleitet wird.

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