„Langeweile im Wartezimmer kann zu Stress bei Eltern und Kind führen“
Herr Prof. Splieth, viele Zahnärzte empfinden die Behandlung kleiner Kinder als sehr anstrengend. Was sind die Gründe dafür?
Prof. Dr. Christian Splieth: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Da sind zum einen die Kleinkinder, die sich in der präoperationalen Phase befinden. Das heißt: Kinder können mit ihrem neuronalen Konzept und ihrer Aufmerksamkeitsspanne rationale Erklärungen – im Unterschied zu Schulkindern – nicht wirklich erfassen. Das macht die Behandlung von Kindern unter sechs Jahren so herausfordernd und teilweise auch anstrengend, denn mit dem Appell an die Vernunft kommt man nicht weiter. Stattdessen braucht man an die kindlichen Fähigkeiten angepasste Strategien.
Zum anderen haben wir die Eltern als weiteren Stressor, die die Verantwortung für die Mundgesundheit ihrer (kleinen) Kinder tragen. Die Kinder, die behandlungsbedürftig sind, gehören nicht zu der kariesfreien Gruppe, die in Deutschland rund 80 Prozent ausmachen. Allein das ist für manche Eltern schwer zu akzeptieren. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung ist zwingend notwendig, denn die Eltern müssen das Verhalten ändern, das sie vorher erworben, verteidigt und als richtig und gut befunden haben. Zur Aufgabe des Zahnarztes gehört es, die Eltern darüber aufzuklären, dass eine Verhaltensänderung in puncto Mundhygiene erfolgen muss, um die Behandlungsergebnisse langfristig zu sichern. Andernfalls riskieren wir, dass neue Karies auftritt, Versorgungen versagen, und ein Teufelskreis entsteht.
Ein weiterer wichtiger Grund für die als anstrengend empfundene Kinderbehandlung ist die eigene Unsicherheit der Zahnärzte – ein Problem, dessen Grund wohl auch in der Ausbildung zu suchen ist. Ein Großteil der frisch approbierten Zahnärzte ist unzureichend auf die Behandlung von Kindern vorbereitet. In Deutschland gibt es nur noch drei Universitäten mit einer eigenen Abteilung für Kinderzahnheilkunde. Seit der neuen Approbationsordnung besteht zudem die Möglichkeit, den praktischen Teil der Kinderzahnheilkunde-Prüfung des Staatsexamens am Phantomkopf durchzuführen, wenn keine Kinder-Patienten verfügbar sind. In Summe bedeutet das, dass immer weniger praktische Erfahrungen an kleinen Patienten gesammelt werden.
Für den Umgang mit kleinen Kindern gibt es verschiedene etablierte Methoden der Verhaltenssteuerung. Welche finden Sie besonders effektiv?
Entscheidend für die Auswahl der optimalen Methode ist die Berücksichtigung der kognitiven Fähigkeiten und des Alters des Kindes. Verbale Techniken wie „Tell – Show – Do“ sind bei Schulkindern nützlich, aber Kleinkinder verfügen noch nicht über eine ausgeprägte verbale Kommunikationsfähigkeit oder ein rationales Konzept.
In der sensomotorischen Phase, in der das Kind primär über Freude, Lust und taktile Reize gesteuert wird, erweisen sich visuelle oder hypnotische Techniken als besonders wirkungsvoll. Ein Beispiel dafür ist der Einsatz eines an der Decke montierten Fernsehers im Behandlungsraum, der als effektive Ablenkung dient. Übrigens eine Methode, der manche Eltern zunächst skeptisch gegenüberstehen und die oft unterschätzt wird. Bindet man das Kind visuell an den Monitor, reduziert sich der Bedarf an verbaler Kommunikation, was die Behandlung für den Zahnarzt deutlich erleichtert. Darüber hinaus setzen wir hypnotische Techniken bei Bedarf auch in Kombination mit Lachgas ein, um den Entspannungszustand der Kinder zu verstärken und Eingriffe reibungsloser zu gestalten. Damit können wir einen großen Teil der Behandlungen unter Narkose vermeiden.
Was halten Sie von dem Klischee, wonach Frauen besser mit Kindern umgehen können oder dass nur bestimmte Menschen ein besonderes Händchen für den Umgang mit Kindern haben?
Wir haben tatsächlich vor vielen Jahren eine Studie zu diesem Thema durchgeführt [Splieth et al., 2009]. Dabei ergaben sich interessante regionale Unterschiede: Kurz nach der Wende, um das Jahr 2000, waren Zahnärzte im Osten wesentlich positiver gegenüber der Kinderzahnheilkunde eingestellt und sahen weniger Barrieren als ihre Kollegen im Westen. Dazu muss man wissen, dass es an den ostdeutschen Universitäten bereits vor der Wende spezialisierte Abteilungen für Kinderzahnheilkunde – die sogenannte Kinderstomatologie – gab, sowie ein verpflichtendes Training in diesem Bereich.
Das legt nahe, dass eine fundierte Ausbildung zu besseren Ergebnissen führt. Doch die spannende Frage war, ob dabei auch geschlechtsspezifische Faktoren eine Rolle spielen. Im Osten war der typische Zahnarzt schon immer eher eine Frau (etwa 60 Prozent), während im Westen im Jahr 2000 überwiegend männliche Zahnärzte tätig waren. Daraus entstand die Frage, ob der Unterschied in der Einstellung zur Kinderzahnheilkunde tatsächlich ein Ausbildungsdefizit im Westen widerspiegelt oder ob er auch damit zusammenhängt, dass Frauen kinderaffiner und deshalb tendenziell eine positivere Einstellung zur Kinderzahnheilkunde haben – während Männer weniger Interesse zeigen.
Zahnärztinnen und Zahnärzte aus Ost und West haben eine andere Selbsteinschätzung
Unterschiedliche zahnärztliche Ausbildungen, Angst vorm Bohrer, besorgte Eltern – 2009 wurde in einer repräsentativen Studie untersucht, welche Hindernisse aus Sicht der Zahnärztinnen und Zahnärzte in Deutschland bei der restaurativen Therapie im Milchgebiss bei Kindern zwischen drei und sechs Jahren vorliegen.
Die Ergebnisse: Während westdeutsche Männer gefolgt von westdeutschen Frauen bei sich die höchsten Barrieren für eine Kinderbehandlung sahen, waren die Barrieren für ostdeutsche Männer am niedrigsten. Die Einschätzung der Barrieren bei Kindern war damit primär nicht geschlechtsspezifisch, zumindest bei Training.
Deutliche Unterschiede in West- und Ostdeutschland zeigte die Selbsteinschätzung der Kompetenz der Zahnärzte bei der Behandlung junger Kinder. Während die Hälfte der ostdeutschen Zahnärzte nur ungern lokale Anästhetika gaben, waren es im Westen mit etwa 37 Prozent weniger (p = 0,055).
In Ostdeutschland fand eine Minderheit von 35 Prozent die Kinderbehandlung stressig, in Westdeutschland dagegen die Mehrheit (>60 Prozent) und damit hoch signifikant mehr (p < 0,001). Während in Westdeutschland ein größerer Teil bestätigte, dass für Kinder die Zeit selten ausreichend ist (36,8 Prozent), stimmten die Mehrheit der ostdeutschen Zahnärzte dagegen (59,1 Prozent, p < 0,004).
Die Aussage, dass sich Zahnärzte bei einer Füllung unbehaglich fühlen, wurde mehrheitlich abgelehnt. Zustimmung fand sich in Westdeutschland mit 22 Prozent statistisch signifikant höher als in Ostdeutschland (3,4 Prozent; p < 0,001).
Bei der Einstellung der Zahnärzte Kinderbehandlungen anzubieten, traten die größten Unterschiede zwischen Zahnärzten und Zahnärztinnen auf. So gibt die größte Gruppe der Zahnärztinnen (38,3 Prozent) den Kindern nur ungern lokale Anästhetika, die größte Gruppe der Zahnärzte (35,6 Prozent) stimmt dagegen dieser Aussage nicht zu (p = 0,013).
Die Autoren schlussfolgern, dass die Unterschiede nicht zufällig sind, sondern die Herangehensweise an die Kinderzahnbehandlung durch die Ausbildung im Fach Kinderzahnheilkunde während des Studiums bestimmt wird.
Splieth C, Bünger B, Berndt C, Pine C (2009): Barrieren bei der Sanierung von Milchzähnen aus Sicht der Zahnärzte. Deutscher Ärzte-Verlag DZZ; 64 (7).
Wir führten deshalb zusätzlich eine Analyse anhand von Selbsteinschätzungen durch. Zusammengefasst zeigen die Ergebnisse, dass im Jahr 2000 deutliche regionale Unterschiede in der Wahrnehmung der Kinderzahnheilkunde existierten und die Ausbildung dabei zwar eine wesentliche Rolle spielte. Aber: Im Westen, wo die Ausbildung in diesem Bereich oft fehlte, schien es vorteilhafter zu sein, wenn der Zahnarzt weiblich war, da mütterliche Instinkte und Empathie positiv wahrgenommen wurden. Und besonders interessant ist, dass bei entsprechender Ausbildung Männer jedoch mindestens genauso kompetent in der Behandlung von Kindern wie Frauen waren – ein bemerkenswerter Befund.
Wie wichtig ist das „Ankommen“ der kleinen Patienten in der Praxis? Also, inwiefern tragen ein kindgerechtes Ambiente und ein ruhiger Wartebereich dazu bei, dass der gesamten Behandlungsprozess stressärmer für Kinder und Eltern verläuft?
Ein gut ausgestattetes Wartezimmer mit altersgerechtem Spielzeug für Kindergartenkinder, zum Beispiel Rutschen, Bausteine, Kinderküchen, ist wichtig. Wenn im Wartezimmer Langeweile aufkommt, löst das Stress bei den Eltern und den Kinder aus. Ein angenehmer erster Eindruck entsteht auch dadurch, dass eine freundliche Person, das Kind ins Behandlungszimmer bringt, wo es erst einmal fernsehen darf. So hat der Zahnarzt oder die Zahnärztin die Gelegenheit, in Ruhe ein Anamnesegespräch mit den Eltern zu führen und das Kind hat Zeit, im Raum anzukommen. Auch die Art der Ansprache spielt eine große Rolle: Eine ruhige, empathische und zugewandte Kommunikation hilft, dass Kinder entspannt in den Behandlungsstuhl kommen. Häufig wird die Fähigkeit kleiner Kinder für das Verständnis non-verbaler Kommunikation unterschätzt. Doch gerade die kleinsten Patienten sind hochsensibel gegenüber Anspannung oder versteckter Aggression.
Viele Behandler diskutieren, ob die Anwesenheit der Eltern während der Behandlung hilfreich ist oder eher zu zusätzlichem Stress führt. Welchen Einfluss hat das Verhalten der Eltern auf die Kooperation ihrer Kinder und wie geht man mit diesem Dilemma um?
Studien zeigen, dass sich Kinder in der Regel besser benehmen, wenn ihre Eltern nicht anwesend sind. Daher könnte es sinnvoll erscheinen, auf deren Anwesenheit weitgehend zu verzichten. Aber: Die Eltern sind die primären Ansprechpartner und verantwortlich für die Mundgesundheit und -hygiene ihrer Kinder. Sie müssen deshalb aktiv eingebunden werden. Sie übernehmen zudem die Kommunikation, erklären den Grund des Zahnarztbesuchs und treffen die Entscheidungen über Behandlungen. Selbst bei einer einfachen Prophylaxe müssen die Eltern aktiv werden, um unter Anleitung die Zähne ihrer Kinder nachzuputzen und ein Training zu erhalten, um die Putztechnik zu optimieren.
Darüber hinaus sollen die Eltern auch miterleben, wenn ihr Kind unkooperativ ist, um gemeinsam mit dem Zahnarzt über die nächsten Schritte zu entscheiden – sei es der Einsatz von Lachgas oder eine mögliche Narkose. In schwierigen Fällen müssen Eltern ihr Kind beispielsweise für eine Untersuchung selbst liebevoll stützen, da dies nicht durch das Praxisteam übernommen wird. Das ist notwendig, um bei gänzlich unkooperativen Kindern wenigstens einen groben Eindruck vom Zustand der Zähne zu bekommen, wenn eine Narkosebehandlung in Betracht gezogen wird.
Natürlich gibt es viele Kinder, die problemlos allein während einer Kontrolle, Versiegelung oder eines Kieferorthopäden-Termins im Behandlungszimmer sind. Doch für Kinder mit behandlungsbedürftiger Karies, die Verhaltensänderungen erfordert, ist die elterliche Präsenz unerlässlich. Obwohl wir in unserer Praxis oft darüber nachgedacht haben, Eltern grundsätzlich aus dem Behandlungsraum auszuschließen, ist dies in der Praxis kaum umsetzbar und unseres Erachtens auch nicht zwingend zielführend.
Es gibt viele Verhaltensführungstechniken in der Interaktion mit den Kindern. Haben Sie auch Empfehlungen für die Kommunikation mit den Eltern?
Gleich zu Beginn ist meine Kommunikation mit den Eltern von zentraler Bedeutung. Die wichtigste Frage lautet für mich immer: „Was ist der Grund Ihres Besuchs?“ Es ist wichtig genau zuzuhören und zugewandt zu sein, da die Eltern oft eine weite Anreise zu einem Spezialisten auf sich genommen haben und große Hoffnungen in die Behandlung setzen. Daraus ergibt sich meine Verpflichtung, diese Erwartungen anzuhören und – sofern möglich – ihnen gerecht zu werden. In der Anfangsphase stelle ich zudem viele W-Fragen: Wann traten die Zahnschmerzen auf? Wie oft putzen Sie die Zähne? Wie (gut) funktioniert das Zähneputzen zu Hause? Häufig wird ein Röntgenbild angefertigt und anschließend in einem Shared-Decision-Making-Prozess gemeinsam mit den Eltern ein konsensualer Behandlungsplan entwickelt.
Während der Behandlung des Kindes sollten die Eltern aber in den Hintergrund rücken, um die Interaktion von Zahnarzt und Kind nicht zu stören, ohne dass sie komplett ausgeschlossen werden. Ein „Schweigestuhl“ – ein niedriger Stuhl in der Ecke, von dem die Eltern zuschauen können, wie toll ihre Kinder mitmachen – sorgt dafür, dass Eltern zwar anwesend sind, aber nicht aktiv in die Kommunikation mit dem Kind eingebunden werden.
Was können Zahnärztinnen und Zahnärzte noch tun, um sich besser auf die Behandlung von Kindern vorbereitet zu fühlen?
Wer sich in der Kinderzahnheilkunde fortbilden möchte, sollte dies bei jemandem tun, der Erfahrung in diesem Fachgebiet hat – genauso wie man das im Bereich der Kieferorthopädie oder Implantologie auch tun würde. Kinderzahnheilkunde ist eine eigene Fachdisziplin, die ganze Lehrbücher füllt. Es gibt zahlreiche Filme und Videos, in denen die praktische Umsetzung gezeigt wird. Man muss es zum einen selbst erleben und zum anderen von einem Experten lernen und trainieren.
Wenn ich Fortbildungen gebe, zeige ich den Teilnehmenden gern Filme, in denen ich demonstriere, wie ich vorgehe – sei es mit Tell-Show-Do, Desensibilisierung oder suggestiven Techniken. Würden Sie sich diese Filme ansehen, würden Sie vermutlich vieles nicht benennen können, da man oft nur das sieht, was einem bereits vertraut ist. Man braucht also eine gute Grundlagenausbildung. Und nicht umsonst laufen die Fortbildungen in vielen Zahnärztekammern und Curricula zur Kinderzahnheilkunde äußerst gut: Viele Universitäten machen in diesem Bereich ihre Hausaufgaben in der studentischen Ausbildung nicht und die Zahnärzte werden somit unzureichend auf den Umgang mit Kindern vorbereitet in die Praxis entlassen. Daher empfehlen wir auch unseren Masterstudiengang Kinderzahnheilkunde bei dem klinisch und wissenschaftlich basierte spezialisierte Kinderzahnheilkunde erlernt werden kann.
Fällt Ihnen noch etwas ein, das Sie für die Behandlung von Kindern besonders wichtig finden?
Ja, eine Sache ist bedeutsam: Man darf den Kindern nicht wehtun. Wenn ich bei einer Weisheitszahnextraktion Schmerzen verursache, könnten Sie das zumindest rationalisieren, verarbeiten und mir mitteilen, was Sie am meisten stört und ob Sie es aushalten können. Doch bei kleinen Kindern ist das nicht möglich. Es muss deshalb unbedingt eine effektive Schmerzausschaltung gewährleistet sein. Es ist nicht akzeptabel zu erwarten, dass ein Kind toleriert, dass es Schmerzen erfährt – das würde zu einer negativen Konditionierung führen. Mit der Folge einer dauerhaften Angst vor zahnärztlichen Behandlungen, deren Folgen wir alle kennen.
Das Gespräch führte Dr. Nikola Lippe.