Verhaltensführung in der Kinderbehandlung

Die Macht der Fantasie

Empathie, individuelle Ansätze und die richtigen „Zaubertricks“ sind die Zutaten, um die Behandlung für das Kind und im Umkehrschluss auch für das Team so angenehm wie möglich zu gestalten. Verhaltensführung ist der Schlüssel, um schnell und dennoch kindgerecht zu behandeln.

Die richtige Kommunikation ist vor allem bei der Behandlung von Kindern wichtig, denn von ihrer Kooperation hängt das Behandlungsergebnis maßgeblich ab. Die Vertrauensbildung beginnt aber nicht erst auf dem Behandlungsstuhl. Schon beim Betreten des „Kinderzimmers“ aka Behandlungszimmer können wir eine Verbindung zu unseren kleinen Patienten aufbauen.

„Komm mit, wir suchen mal das Zimmer Nummer 3.“ So wird das Kind aktiv einbezogen. Ein ehrlich gemeintes Kompliment – „Wow, du hast ja heute einen tollen Pferdepulli an, sind das deine Lieblingstiere?“ – oder ein freundliches, kurzes Gespräch über das Lieblingsspiel öffnet die Tür. Wenn sich ein Kind willkommen und wahrgenommen fühlt, wird es viel leichter entspannen können.

Die Fahrt mit dem Behandlungsstuhl bietet eine wunderbare Gelegenheit, die Behandlung spielerisch einzuleiten. Warum nicht „eine kleine Reise“ unternehmen? „Möchtest du gerne mal Pilot sein?“ [Beckers-Lingener, 2022] oder „Komm, wir fahren Achterbahn, auf die Plätze fertig los!“ Solche kreativen Anleitungen wecken die Neugier und nehmen den Fokus weg von Ängsten. Eine kindgerechte Sprache kann eine unangenehme Situation in ein Spiel verwandeln, bei dem nicht nur die Kinder eine Menge Freude haben können.

„Hast du deine Zähne mitgebracht?“

Bei ängstlichen kleinen Kindern sollte man nicht gleich im Mund beginnen, sondern sich zum Beispiel von den Füßen langsam nach oben vortasten (Abbildung 1). Wenn man mit dem Spiegel am Fuß die Zähne sucht und fragt: „Sind deine Zähne vielleicht hier?“ lachen viele Kinder und helfen dem Behandler, die Zähne zu finden. Dieser „Zaubertrick“ kostet nur wenige Sekunden, führt aber häufig dazu, dass das Kind viel kooperativer wird und eine Kontrolluntersuchung zulässt.

Wenn man kleinere Kinder in die Untersuchung einbezieht und mitmachen lässt, kann das ihre Kooperationsbereitschaft erhöhen. Dafür gibt es viele einfache Anreize: Zähne zählen, schauen, wie weit der Mund heute aufgeht, oder suchen, wo die Zähne sich verstecken. „Sind deine Zähne überhaupt dabei oder liegt noch einer auf dem Küchentisch?“ [Brendebach, 2021], „Hast du einen Dinozahn dort hinten versteckt?“ oder „Da hinten war doch ein blauer Zahn, lass uns mal nachschauen!“ sind Einladungen in eine kreative Fantasiewelt, in der Kinder Ablenkung und Spaß erfahren.

Die „tell – show – do“-Methode ist ein bewährtes Konzept zur Verhaltensführung in der Kinderzahnheilkunde [Paryab et al., 2014]. Dabei erklärt die Zahnärztin oder der Zahnarzt dem Kind zunächst, was gleich passieren wird (tell), zeigt ihm anschließend die verwendeten Instrumente oder Geräte (show) und führt die Behandlung dann durch (do). Dies hilft, die Angst vor dem Unbekannten zu reduzieren und das Kind auf die Behandlung vorzubereiten.

Die „Windmaschine“ (= die Multifunktionsspritze) kann zunächst an der Hand erklärt werden: „Das ist meine coole Windmaschine, die kann Elsa-Luft machen. Schau mal!“ (tell). Im Anschluss wird die Luft an der Hand des Kindes ausprobiert (show) und schließlich im Mund verwendet „Damit puste ich die ganze Spucke in deinem Mund weg“ (do). Fantasievolle Assoziationen können für weitere Ablenkung sorgen: „Aber die kann die Zähne gar nicht einfrieren, so wie die Elsa das kann“ (Referenz zum Disney-Film „Frozen“).

Ungewohnte Geräusche können für Kinder beängstigend sein. Um die Furcht vor dem „Superbesen“ (Turbine) und dem „Staubsauger“ zu mindern, hilft es, diese vorher einige Sekunden außerhalb des Mundes (ohne Wasser) vorzuführen. Mit einem Augenzwinkern kann man dazu sagen: „Mach mal den Mund zu und die Ohren auf. Hallo, hallo, sind deine Ohren auf? So laut wird das jetzt. Wir feiern jetzt eine große Wasserparty in deinem Mund!“ So wird die Situation entdramatisiert und das Kind kann sich besser auf die Behandlung einstellen, bevor es losgeht [Brendebach, 2021].

„Sag dem Zahn mal Bescheid, das drückt da jetzt“

Komplexe medizinische Begriffe können Kinder abschrecken und Angst bereiten. Schon ein Wort wie beispielsweise die „Spritze, die mal piekst“ kann über das Gelingen oder Scheitern der Behandlung entscheiden [Kant, 2009]. Aus diesem Grund gibt es in manchen Praxen „die Spritze“ nur für Erwachsene. Bei Kindern werden stattdessen Zähne „schlafen gelegt“ oder es werden „Luftballons im Mund aufgepustet“. Durch die Ankündigung „Sag deinem Zahn mal Bescheid, das drückt da jetzt – nicht, dass er sich erschreckt“ bleibt man ehrlich und bereitet das Kind auf das unangenehme Gefühl vor, ohne zu drastische Erwartungen zu schüren. Wenn die Anästhesie im Anschluss verdeckt appliziert wird, reagieren viele Kinder unbeeindruckt (Abbildung 2). Manchmal, wenn man dann leise ist, hört man sogar einen Zahn schnarchen.

Instrumente und Materialien können so in eine fantasievolle Geschichte eingebunden werden. Eine klassische Toffelmeyermatrize (gerne mit einem schmalen Band für die Milchzähne) wird beispielsweise zum Delfin: „Jetzt kommt ein Delfin auf deinen Zahn gesprungen. Der krallt sich jetzt ganz dolle an deinem Zahn fest. Das merkt man manchmal noch. Dann kriegt er noch ein Spielzeug (Keil) und dann spielt er mit etwas Stinkekleber (Bonding) und Knete (Füllung).“ Diese kindgerechten Beschreibungen lenken die Aufmerksamkeit vom Unbekannten ab und wecken die Vorstellungskraft. Für manche Kinder wird die Behandlung damit sogar zu einem positiv-aufregenden Erlebnis.

Ein Monitor mit Kinderfilmen unter der Decke und Bluetooth-Kopfhörern kann ebenfalls helfen, den Fokus des Kindes auf etwas Angenehmes zu lenken (Abbildung 3). Kinder können durch die richtige Ablenkung schnell in eine Art hypnotischen Zustand verfallen und so fokussiert sein, dass sie kaum noch etwas anderes wahrnehmen. Viele Eltern wünschen sich im Übrigen häufig eine ähnliche Form der Behandlung. Entscheidend ist, dass jede Form von Ablenkung in der Kinderbehandlung vorteilhaft ist [Jilg et al., 2010].

Kinder lieben Lob – es motiviert sie, weiterhin kooperativ zu sein. Egal ob das Kind ruhig sitzen bleibt, tapfer den Mund aufmacht oder einfach nur aufmerksam zuhört, jede positive Handlung verdient Anerkennung. Ein Satz wie „Du bekommst den Mund ja weit auf, das ist ja cool!“ stärkt nicht nur das Selbstbewusstsein des Kindes, sondern sorgt auch dafür, dass der Mund noch einige weitere Millimeter aufgeht. „Du machst das viel besser als manche Erwachsene!“ ist ebenfalls eine Motivation, das positive Verhalten weiterhin zu zeigen.

In der Kinderzahnheilkunde sollte schnell und effektiv behandelt werden, denn Kinder haben nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Eine Faustregel besagt, dass man das Alter mal zwei nehmen kann, um die Minutenzahl zu erhalten, die ein Kind behandelt werden kann. Durch die oben beschriebenen hypnotischen Methoden ist dies in Einzelfällen dehnbar. Eine Lachgassedierung kann weiterhin dazu beitragen, dass längere Behandlungen möglich werden.

Wichtig ist jedoch, dass man direkt in die Therapie einsteigt, diese zügig durchführt und keine langen „Überredungsversuche“ startet. Das Kind muss selbst kooperieren wollen. Dies zu schaffen, macht den Reiz in der Kinderzahnheilkunde aus.

Sollte es trotz aller Bemühen nicht gelingen, so hat man in der Regel auch durch langes Zureden keine besseren Chancen auf eine angenehme Behandlung. Sobald man in den ersten fünf bis zehn Minuten merkt, dass es keine Möglichkeit für eine Behandlung gibt, ist ein Termin für eine „Desensibilisierung“ zu erwägen. Geschultes Prophylaxe-Fachpersonal kann die Kinder behutsam an die Gerätschaften und Geräusche heranführen und sie dadurch auf die eigentliche Behandlung vorbereiten. Dieser in der Regel kostenpflichtige Zwischentermin verbessert die Chancen für eine einfachere Behandlung im Folgetermin und vermeidet frustrierende Abbrüche oder Behandlungsversuche.

Fazit

Eine vertrauensvolle Beziehung, eine kindgerechte Kommunikation, die positive Verstärkung und geeignete Ablenkungstechniken sind entscheidend, um Ängste abzubauen und eine erfolgreiche Behandlung zu gewährleisten. Mit viel Kreativität und einer gut gefüllten Trickkiste der kindgerechten Sprache wird die Behandlung qualitativ­ hochwertiger und dies ohne einen zeitlichen oder finanziellen Mehraufwand.

Was auf den ersten Blick albern wirken mag, ist in Wahrheit eine gezielte, kindgerechte Sprache, die Ängste abbaut, Vertrauen schafft und die Behandlung sowohl für das Kind als auch für das zahnärztliche Team entspannter und fröhlicher gestaltet.

Erfolgreiche Kinderbehandlungen sind also keinesfalls Glückssache, sondern eine Fertigkeit, die durch Ausbildung erlernt und durch Erfahrung und ständiges Weiterlernen verfeinert werden kann. Eine gelungene Verhaltensführung ebnet nicht nur den Weg für eine stressfreie Kinder-Behandlung, sondern legt auch den Grundstein für ein lebenslanges Vertrauen in die zahnärztliche Betreuung und kann somit langfristig zur Patientenbindung beitragen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Erfolg, Spaß und Kreativität beim „Zaubern“ mit den Kindern.

Weitere Tipps zum Thema Kinderzahnheilkunde finden Sie in meiner CME-qualifizierten Online-Fortbildung unter https://myablefy.com/s/kinderzahnmedizin. Mit etwas Zauberei erhalten Sie zwei Fortbildungspunkte.

Literaturliste

  • Beckers-Lingener B, Hartinger M. Nur noch zweimal schlafen, dann darfst du zum Zahnarzt. ZWP Zahnarzt Wissenschaft Praxis. 2022; 06: 39

  • Brendebach J. Mündliches Interview. Interviewer: Tienken M. 14. Oktober 2021.

  • Kant JM: Angst- und Schmerzbehandlung in der Kinderzahnheilkunde. In: Zernikow B: Schmerztherapie bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Springer Verlag, Berlin, 2009, pp. 378-385

  • Paryab M, Arab Z. The effect of Filmed modeling on the anxious and cooperative behavior of 4-6 years old children during dental treatment: a randomized clinical trial study. Dent Res J (Isfahan). 2014 Jul;11(4):502-7. doi: 10.4103/1735-3327.139426

  • Jilg A, Schneller T. Ablenkung und Hypnose bei der zahnärztlichen Behandlung von Kindern. Deutsche Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose (DGZH). 2010

Dr. med. dent. Miriam Tienken

Zahnärztin

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