Interview mit Kommunikationstrainer Johannes Kochs

„Seien Sie sich Ihrer Ausstrahlung bewusst“

Dax-Konzerne gehören genauso zu den Auftraggebern von Kommunikationstrainer Johannes Kochs wie Ministerien und Universitäten. In der Charité-Fortbildungsakademie schult er auch Mediziner, wie sie mit Körper und Stimme souveräner auftreten. Uns verrät er hier, warum Zahnärztinnen und Zahnärzte an ihrer Körpersprache arbeiten sollten, selbst wenn die wissenschaftliche Evidenz gering ist.

Herr Kochs, warum sollten Zahnärzte gezielt Körpersprache einsetzen?

Johannes Kochs: Eine gezielt genutzte Körpersprache zusammen mit dem bewussten Einsatz von Sprechen und Stimme kann Vertrauen gegenüber den Patienten aufbauen. Wie sicher sie sich fühlen, wie kompetent sie die Behandelnden wahrnehmen, beruht wesentlich auf der Art und Weise, wie sich Zahnärztinnen und Zahnärzte nonverbal verhalten.

Sollten Zahnärzte umgekehrt auch die Körpersprache der Patienten besser deuten lernen?

Der Vorteil für die Diagnose dürfte in der besseren Anamnese liegen. Wer geübt darin ist, die Körpersprache von anderen zu beobachten und zu interpretieren, nimmt auch die feineren Nuancen auf. Gibt es etwas, was der Patient zwar bejaht oder verneint, aber der Körper sendet gegenteilige Signale? Scham könnte dafür ein Auslöser sein. Oder die behandelte Person zeigt nonverbale Signale, die sich als Angst deuten lassen. Nur wenn diese überhaupt wahrgenommen und richtig interpretiert werden, kann man darauf eingehen.

Ist die viel zitierte Erkenntnis des US-Psychologen Albert Mehrabian, wonach Körpersprache wichtiger ist als der Inhalt des Gesagten, denn wirklich falsch?

Ich halte die Mehrabian-Studie aufgrund ihres Aufbaus und Alters für ungeeignet. Sie behandelt die Kongruenz von Gesagtem und verbaler oder nonverbaler Äußerung. Die Quintessenz, dass das Gesagte wichtiger sei als der Inhalt, lässt sich daraus nicht generalisiert ableiten. Erst recht nicht mit den ewig wieder zitierten Prozentzahlen. Auch Mehrabian selbst hat dies so klargestellt. Das über Jahrzehnte aber mit falschem Kontext interpretiert und zitiert wird, liegt wohl in dem Wunsch begründet, so etwas zentrales und gleichzeitig unglaublich facettenreiches wie die Körpersprache wissenschaftlich belegen zu können.

Was sind die wichtigsten Regeln bei der Körpersprache, auf die Zahnärztinnen und Zahnärzte achten sollten?

Seien Sie sich Ihrer körpersprachlichen Ausstrahlung bewusst und setzen Sie diese gezielt ein. Weg von der Wirkung „Halbgott in Weiß“ hin zum Behandelnden, der seine Patienten und Patientinnen mit ihren Sorgen und Nöten ernst nimmt und ihnen Sicherheit gibt. Der Fels in der Brandung. Mit offenem Blickkontakt und einem freundlichen Lächeln geben Sie dem Patienten Sicherheit und schaffen eine empathische Ebene. Nutzen Sie eine zugewandte und offene Körperhaltung, aktive Zuhörsignale und eine empathische Mimik. Mit ruhigen, klaren und gezielten Bewegungen signalisieren Sie Zuversicht in Ihr eigenes Können und wirken beruhigend. Das beinhaltet klare, aber eher zurückhaltende Gesten. Dies Verhalten gilt genauso im Umgang mit ihren Mitarbeitenden, das ja von den Patientinnen und Patienten beobachtet wird und mit in deren Wahrnehmung einfließt. 

Und seien Sie aufmerksam für die Körpersprache Ihrer Patientinnen und Patienten. Wenn Sie Mimik und Körper aufmerksamer beobachten und damit lesen lernen, können Sie abgleichen, ob diese mit dem Gesagten übereinstimmen oder nicht.

Was spricht dafür, sich intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen, wenn die Evidenz für einen direkten positiven Effekt auf den Outcome schwach ist?

Die eigenen, auch auf Körpersprache beruhenden Erfahrungen in zig anderen Situationen. Wenn wir Menschen einschätzen, mit ihnen zusammenarbeiten oder uns von ihnen behandeln lassen, ist neben der Kompetenzausstrahlung immer der menschliche Faktor und damit die Körpersprache entscheidend. Sich in der Situation wohl und sicher zu fühlen, im besten Fall Sympathie zu spüren – das ist ein wesentlicher Teil für langanhaltende und vertrauensvolle Beziehungen.

Die 7-38-55-Regel ist Quatsch. Aber ...

Vor mehr als 50 Jahren veröffentlichte der US-Psychologe Prof. Albert Mehrabian eine Arbeit, aus der die sogenannte 7-38-55-Regel hervorging: 55 Prozent der Kommunikation zwischen zwei Menschen liefen über die Körpersprache, 38 Prozent über Ton und Stimme und nur 7 Prozent über den Inhalt. Völliger Unsinn, der sich aber noch heute hartnäckig in den Köpfen hält, oder?

Mehrabian hatte diese Regel aus seinen Experimenten nie wissenschaftlich abgeleitet, ja im Anschluss sogar immer wieder vergeblich versucht, diese Fehlinterpretation richtigzustellen. Korrekt ist: Diese Formel gilt ihm zufolge nur dann, wenn der Sender sich über seine Gefühle und Haltungen äußert und gleichzeitig beim Empfänger schon ein Misstrauen aufgrund der Kluft zwischen Worten und Haltung vorhanden ist.

Welche Rolle spielt Körpersprache also in der Arzt-Patienten-Beziehung? Eine 2004 durchgeführte Metaanalyse von 106 Beobachtungsstudien und 21 experimentellen Arbeiten (Patientenaktivierung / Training der Kommunikationsfähigkeit des Arztes) kam zu dem Schluss, dass Interventionen wahrscheinlich die Zufriedenheit verbessern, dabei aber unklar bleibt, in welcher Form sie stattfinden müssen [Griffin et al., 2004]. Ein weiteres Review mit 90 Studien untersuchte Interventionen für Medizinstudierende, die darauf abzielten, die zwischenmenschliche Ebene beim Patientengespräch zu verbessern: Ein positiver Effekt sei da, doch „das Ausmaß der Wirkung im Allgemeinen relativ klein“ und die „Qualität der vorgelegten Evidenz gering“ [Gilligan et al., 2021].

In einem Cochrane Review von 2015 halten die Autoren um Little Körpersprache für entscheidend in der Patientenkommunikation. So deuteten die Ergebnisse darauf hin, dass Patienten auf Backchanneling stärker reagieren als auf traditionelle verbale Verhaltensweisen. Eine sich ändernde Dynamik könne ebenfalls für das Gespräch hilfreich sein, von professioneller „Coolness“ zu Beginn bis hin zu einem herzlicheren Auftreten und der Vermeidung nonverbaler Unterbrechungen am Ende [Little, 2018].

Ein weiterer Cochrane Review hat den Effekt der Kommunikationskompetenz im Umgang mit Patienten untersucht, die schwere psychische Erkrankungen haben. Es gab nur eine einzige kontrollierte Pilotstudie, und diese sei zu klein, um Rückschlüsse zu ziehen. Die Ausbildung der Kommunikationskompetenzen „scheint einen bescheidenen positiven Effekt auf die Erfahrungen der Patienten mit der therapeutischen Beziehung zu haben“, aber es sei mehr hochwertige Forschung nötig [Papageorgiou et al., 2017].


Studie:
Mehrabian, A., Silent messages,Wadsworth Publishing Company (1971),https://eedu.nbu.bg/pluginfile.php/855150/mod_resource/content/1/Albert-Mehrabian%20-%20Silent%20Messages%201971%20-%20red.size.pdf

Auch wenn es wenige belastbare und gut konzipierte Studien zur Körpersprache gibt, ist deren Wirkung in jeder Kommunikationssituation von jedem von uns spür- und erlebbar. Warum gehen Sie lieber an die Kasse mit dem lächelnden Mitarbeiter? Warum kehren Sie nicht zu einem Arzt zurück, den Sie trotz erfolgreicher Behandlung als nicht empathisch oder sympathisch wahrgenommen haben? Warum geben Sie lieber einer Politikerin Ihre Stimme, die Sie als nahbar empfinden? Körpersprache hat unterbewusst eine starke Auswirkung auf jede menschliche Interaktion – und ist damit für eine gelungene Arzt-Patienten-Beziehung ein zentraler Baustein. Und der Vollständigkeit halber: Genauso wichtig für ein kongruentes Auftreten ist der bewusste Einsatz der eigenen Stimme und des Sprechens, um auf die Patienten einzugehen und Kompetenz, Freundlichkeit und Zugewandtheit auszustrahlen.

Das Gespräch führte Marius Gießmann.

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