Unsere Präventions-Lokomotive läuft unter Volldampf

Christoph Benz

Drei der fünf Parteien im neuen Bundestag beschreiben in ihren Wahlprogrammen die Prävention von Erkrankungen als den zentralen Baustein einer zukünftigen Gesundheitspolitik (CDU, Grüne, SPD). Was für manche ein Blick in die Zukunft sein mag, ist für die Zahnmedizin seit 35 Jahren gelebte Praxis. Die Auswirkungen unseres inhaltlichen Wandels wurden und werden regelmäßig durch die weltweit beste epidemiologisch-klinische Studie begleitet, die „Deutsche Mundgesundheitsstudie“ (DMS). Nunmehr liegt mit der DMS • 6 die sechste und neueste Version der deutschlandweit repräsentativen Studienreihe vor. Vergleicht man die Ergebnisse von der ersten DMS 1989 bis heute, dann sieht man, welch radikalen Aufstieg Deutschland von der Kreisklasse in der Weltliga der Mundgesundheit bis hin zur Weltspitze gemacht hat. Die Präventions-Lokomotive der deutschen Zahnmedizin läuft unter Volldampf! Dreimal „Wow!“:

  • 1. Die zwölfjährigen Kinder sind auf Spitzenniveau stabilisiert – gleichzeitig wurde die soziale Schere weiter geschlossen. Besonders hervorzuheben ist dabei auch, dass sich die Zahnärztinnen und Zahnärzte in Deutschland um Kinder und Jugendliche in einem doppelten Ansatz kümmern: Die Gruppenprophylaxe findet in Kitas und Schulen statt und wird verstärkt durch die Individualprophylaxe in den Praxen. Sicher ein Grund dafür, dass sich die Zahl der Kinder, die kontrollorientiert in die Praxis kommen von 82 Prozent in 2014 auf 94 Prozent gesteigert hat. Wow!

  • 2. Die jüngeren Erwachsenen (35 bis 44 Jahre) gaben in der DMS V (2014) noch Anlass zur Sorge. Sie schienen „zahnarztmüde“ und ihre Mundpflege hatte sich verschlechtert. Jetzt kommen 87 Prozent kontrollorientiert in unsere Praxen und 79 Prozent lassen regelmäßig eine PZR durchführen. Und schon sind die Erfolge da: Die Karieserfahrung bei den jüngeren Erwachsenen ist deutlich zurückgegangen und ihnen fehlt im Durchschnitt nur noch ein einziger Zahn, 39 Prozent sind sogar vollbezahnt. Wow!

  • 3. Die jüngeren Senioren (65 bis 74 Jahre) kommen zu 88 Prozent kontrollorientiert in unsere Praxen und lassen zu 79 Prozent regelmäßig eine PZR durchführen. Ihre Karieserfahrung ist zurückgegangen und gerade einmal 5 Prozent sind noch vollständig zahnlos. 2005 waren das noch 23 Prozent. Heute haben 95 Prozent der jüngeren Senioren im Durchschnitt 20,5 natürliche Zähne. Wow!


In der Paro konnten wir 2014 mit der DMS V den großen Erfolg feiern, dass seit 1989 die erste – und sogar deutliche – Verringerung der Parodontitis-Last erkennbar wurde. Das war dann der Startschuss für die neue Paro-Leitlinie und die GKV-Paro-Strecke. Nicht so „Wow“ ist aber, dass wir in den 35 Jahren der DMS-Studien jetzt schon die dritte Bewertungssystematik erleben – CPI/WHO, CDC/AAP, EFP/AAP. Hier wäre die Bitte an die Parodontologie, für epidemiologische Studien ein einfaches und langfristig anwendbares Bewertungs-Schema zu etablieren.

Das ist auch deshalb so wichtig, weil uns die Politik bei der Parodontitis-Prävention hängen lässt. Erst wurde so getan, als würde die neue Paro-Strecke von den Krankenkassen bezahlt, dann kam der radikale Budget-Deckel. Jetzt steht die Leistung immer weniger Menschen zur Verfügung. Gerade bei der Parodontitis ist das fatal, weil diese chronische Entzündung weit über den Mund hinaus wirkt und die allgemeine Gesundheit negativ beeinflusst. Auch dazu liefert die DMS • 6 Daten, die den Zusammenhang zwischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einer Parodontitis bestätigen.

Die Zahnmedizin kann für sich verbuchen, seit 35 Jahren auf dem richtigen Weg zu sein. Wir haben nicht nur von Prävention geredet, wir haben sie super erfolgreich umgesetzt. Wir haben das Klischee widerlegt, dass Prävention mehr kostet als Reparatur. Wir treiben nicht die Kosten im GKV-System, stattdessen haben wir die Eigenleistung unserer Patientinnen und Patienten in Gesundheit verwandelt.

Deshalb müssen wir diesen Appell an die Politik richten: Lasst die Zahnmedizin machen, weil wir wissen, was wir tun. Wer die Weichen ohne Sachverstand falsch einstellt, degradiert die Präventionsbekenntnisse in den Wahlprogrammen zu sinnleerem Bla-Bla.

Prof. Dr. Christoph Benz,
Präsident der Bundeszahnärztekammer

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Prof. Dr. Christoph Benz

Präsident der BZÄK
Bundeszahnärztekammer

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