Mit dem Dentalmuseum durch 2025 – Teil 6

Zwei in eins – der Papageienschnabel

Es gab und gibt immer mal wieder Erfindungen, die am Wegesrand der Geschichte liegen bleiben. Zu dick, zu schwer, zu teuer, unhandlich. Das gilt ebenso für zahnmedizinische Instrumente – doch nicht alle sind spurlos verschwunden. Einige liegen im Dentalmuseum im Zschadraß in der Vitrine. Wie dieser Zahnschlüssel mit Papageienschnabel.

Das war wohl schon immer so: Wenn etwas aussieht wie etwas anderes, dann wird es auch danach benannt. Der Papageienschnabel hat es als Clianthus puniceus in die botanische Nomenklatur geschafft, die Blüten sind gebogen wie der Schnabel. Und in der Fliesenleger-Kunst ist der Papageienschnabel (die Papageienzange) ein spezielles Werkzeug, um aus Fliesen Löcher herauszubrechen oder auszuhebeln, mit Papageienschnabel-förmigen Greifbacken. Das große Internetlexikon formuliert Zahnmediziner-schön, „es ist möglich, Löcher vom Fliesenrand her auszuknabbern“.

Derselbe Gedanke wird Pate gestanden haben beim „Zahnschlüssel mit Papageienschnabel“. Der kräftige, markant gebogene, nach unten spitz zulaufende und gelenkige Oberschnabel des Papageis, mit dem die Tiere gut zupacken und kraftvoll zubeißen können.

Eine Eigenkonstruktion eines Bastlers

Wir versetzen uns in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Zahnschlüssel hat sich als Extraktionsinstrument Nummer eins unter Dentisten und Zahnmedizinern etabliert. Es ist die Phase der Tüftler, die die Schlagkraft und das Einsatzspektrum des Werkzeugs erhöhen wollen: besser hebeln, gezielter abschneiden, exakter ansetzen. Konkret war das hier ein Versuch, die Kombination aus Zahnschlüssel und Seitenhebel zu optimieren.

Doch der Papageienschnabel hat sich – ähnlich etwa der Davidsohn-Zange wenige Jahre später, die die natürlichen Zahnkronen abtrennen sollte, um den Wurzelrest im Kiefer zu belassen, so dass dieser nicht atrophieren oder ein Stiftzahn eingesetzt werden kann – nicht durchgesetzt. Museumsdirektor Andreas Haesler schließt das aus den extrem wenigen Exemplaren: „Ich würde das heute als Flop bezeichnen, allein schon die Rarität spricht dafür.“ Er hält den abgebildeten Zahnschlüssel für „eine Eigenkonstruktion eines Bastlers“.

Das mindert jedoch nicht dessen Bedeutung, im Gegenteil, das Exponat markiert gerade deshalb eine spezielle Ära der (Instrumenten-)Geschichte der Zahnheilkunde. Die außergewöhnliche Kombination macht den Papageienschnabel zu einer Seltenheit.

Ganz zufällig, sagt Haesler, sei ihm der Zahnschlüssel auf der Inventarliste aufgefallen. Das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt hatte als Leihgabe mehrere Exponate aus der Proskauer/Witt-Sammlung ausgestellt und diese für den (Rück-)Transport ins Dentalhistorische Museum nach Zschadraß gelistet und verpackt. „Oh, das sieht gut aus!“, dachte Haesler beim Blick in die Papiere.

„Und dann siehst du es leibhaftig, und spürst, dass das eine Sensation ist.“

Im nächsten Teil geht es um die bekannteste Darstellung der heiligen Apllonia, der Schutzpatronin der Zahnärzte.

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